Dr. Sabine Fahl
Altgläubige in Rußland
Sie werden jetzt nicht mehr verfolgt.
Dieser Satz hat einen besonderen Mang, wenn man ihn auf die Altgläubigen in Rußland bezieht. Mit den anderen russischen Christen teilen sie den Leidensweg durch die sowjetische Zeit, die Lager des Stalinismus, die Verfolgung unter Chrustschow. Aber dies war nur die Fortsetzung einer dreihundertjährigen Geschichte, in der die Anhänger des alten russisch-orthodoxen Ritus als "Raskolniki" (Spalter) geschmäht, eingekerkert, gefoltert and getötet werden. Nur zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts gab es eine kurze Zeit des Aufatmens, die kaum 15 Jahre dauerte.
Im Jahr 1653 beschloß eine Synode unter dem Druck des Patriarchen Nikon and des Zaren Aleksej Michajlowitsch erste Reformen von liturgischen Buchern and Riten der russisch-orthodoxen Kirche. Die daraus erwachsenen Neuerungen traten 1667 endgültig in Kraft. Sie orientierten sich hauptsachlich an der damaligen Praxis in der griechischen Orthodoxie, wo man die Traditionen der Alten Kirche besser bewahrt glaubte als in Rußland. Zum Beispiel wurde eine neue Haltung der Finger beim Bekreuzigen eingeführt, der Name Christi nicht mehr mit einem, sondern mit einem doppelten Vokal am Anfang geschrieben ("Iisus"), die Prozessionsrichtung geändert: nun sollte gegen den Sonnenlauf statt mit der Sonne gegangen werden; das zweifache Halleluja war durch ein dreifaches zu ersetzen. Die auf dem Verordnungsweg eingeführten and mit Gewalt durchgesetzten Reformen riefen im Kirchenvolk zum Ted todesmutigen Widerstand hervor. Forscher schatzen, daß ein Viertel oder gar die Hälfte der Bevölkerung die Reformen, die sie nicht verstand, ablehnte. Ihr Protest, angeführt von standhaften Geistlichen and Laien mit großer Ausstrahlung - wie dem Protopopen Awwakum and der Bojarin Morosowa - entwickelte sich zu einer breiten Bewegung.
Der Gegenstand des Streites, der zur Kirchenspaltung, zur grausamen Verfolgung der Reformgegner durch Kirche and Staat führte, scheint uns heute bei flüchtiger Betrachtung vielleicht banal; denn gerade an Formfragen entzündeten sich die heftigsten Kontroversen. Am Beispiel des Problems der Fingerhaltung beim Bekreuzigen läßt sich die Bedeutung der als "Formfragen" leicht unterschätzbaren Punkte gut erläutern. Das Kreuzeszeichen, mit dem sich der orthodoxe Christ beim individuellen Gebet and im Gottesdienst viele Male bezeichnet, ist wohl eine der wichtigsten gestischen Ausdrucksweisen seiner Frömmigkeit. Die Kinder lehrt man, lange ehe sie den Wortlaut der Gebete verstehen and mitsprechen können, dieses Zeichen der Zugehörigkeit zu Jesus and seiner Gemeinde. Jeder Finger hat im Kreuzeszeichen eine symbolische Bedeutung, so daß die ganze Hand, entsprechend zusammengelegt, die Dreieinigkeit Gottes Bowie die g6ttliche and die menschliche Natur Christi abbildet. Man kann dieses Hand-Zeichen, mit dem Stirn, Schultern and Leib in Kreuzesform berührt werden, tatsachlich als Bild, als Andachtsbild, als Ikone ansehen, die dem Menschen in seinem Gebet hilft, seinen Leib als Tempel Gottes and Wohnstatt des Heiligen Geistes zu begreifen. Einem Eingriff in ein solches Bild, einer Veränderung von theologisch begründeten and als zum Heil dienlich tradierten Symbolen, wird ein Gläubiger mit größtem Mißtrauen begegnen.
Die "Altgläubigen" hielten die befohlenen Korrekturen für sinnlos, ja, für häretisch. Und weil damit das Ungeheuerliche geschehen war, daß sie die verehrten Oberhäupter der eigenen Kirche als Abtrünnige betrachten mußten, zogen sie die Konsequenz and blieben lieber ohne die offizielle Kirche als ohne die als heilsam and sinnvoll erlebten Riten. Die sofort einsetzenden brutalen Verfolgungen bestärkten sie in der Annahme, das Reich des Antichristen sei hereingebrochen. Bis zum Ende des 17. Jahrhunderts wurde die Zugehörigkeit zu den Altgläubigen regelmäßig mit dem Tode bestraft. Regierungstruppen belagerten jahrelang das einzige Kloster, das sich weigerte, die Reformen anzuerkennen - das berühmte Solowki-Kloster - and verwüsteten and plünderten es schließlich. Alle verbliebenen Mönche von Solowki wurden umgebracht. Wenn die auch gegen wehrlose Laien eingesetzten Soldaten jedermann, der sich zu den alten Riten bekannte, auf den Scheiterhaufen schleppten and so ganze Dörfer verbrannten, ging schließlich mancher freiwillig ins Feuer. Bis heute halt sich die Legende von den "massenhaften Selbstverbrennungen" unter den Altgläubigen - seinerzeit offenbar in Umlauf gesetzt, um den Verfolgten wenigstens eine Todsünde nachsagen zu können.
Patriarch Nikon selbst, außerordentlich ehrgeizig and machthungrig, fiel schon bald nach Beginn der Reformen beim Zaren in Ungnade. Dieselbe Synode von 1666/67, die das Reformwerk festschrieb and den Fluch über die Altgläubigen aussprach, enthob ihn des Amtes. Als Verbannter im Ferapont-Kloster in Nordrußland zelebrierte er bis an sein Lebensende wieder nach den alten Büchern. Der Fluch aber blieb bestehen, bis ihn im Jahre 1971 eine Synode der russischen orthodoxen Kirche aufhob. Auf eine öffentliche Bitte um Vergebung von Kirche and Staat warten die Altgläubigen noch heute.
Im Laufe der Zeit praktizierten immer weniger Menschen den alten Ritus, der mit zahlreichen Unannehmlichkeiten wie höheren Steuern, oft mit Gefahr für Leib and Leben and schließlich mit zunehmender Isolation verbunden war. Immer tiefer zogen sich die Geächteten in die Wälder zurück, um in kleinen Siedlungen möglichst versteckt ihr Leben zu führen. Streng achteten sie darauf, daß - auch in den Gruppen, die keine Priester mehr anerkannten - die Lehre treu bewahrt blieb. Sie lehrten einander and ihre Kinder lesen and schreiben - nichts Alltägliches unter Bauern im 17. Jahrhundert, zumal sich das im liturgischen Bereich gebrauchte Kirchenslawisch erheblich von der russischen Alltagssprache unterscheidet. Sie gaben Ritus and Ikonen, Bücher, Lieder and auch Sagen von Generation zu Generation sorgfältig weiter. Im 19. Jahrhundert, als die Verfolgung nachließ, zeigte sich der Erfolg dieser Tradition: die Altgläubigen lebten wohlhabender als die übrigen Russen, neue Industrie- and Geschäftszweige entwickelten sich vor allem in ihren Gegenden. Die kontinuierliche Weitergabe des Wissens der Altgläubigen stockte in den 30er and 40er Jahren des 20. Jahrhunderts, als bereits das Lesen eines kirchenslawischen Buches unter Todesstrafe stand.
Wer die Altgläubigen in ihren abgelegenen Dörfern heute besucht, stößt auf eine Fundgrube sonst längst vergessener and ausgestorbener Bräuche - bis hin zur Kleidung and zum Essen. Von den Universitäten Rußlands fahren jeden Sommer Volkskunde-, Musik- and Literaturforscher in die Siedlungen der Altgläubigen. Der Fotograf Lev Silber hat sich fünf Mal solchen "Expeditionen" angeschlossen and dabei unversehens die andere Seite des "Forschungsgegenstands" entdeckt: Er traf auf Menschen, gezeichnet von jahrhundertslanger Verleumdung and Verfolgung, die nicht nur ihre Riten and ihre lebendige Frömmigkeit bewußt durch die Zeiten bewahrt haben, sondern auch die Fähigkeit, Mißtrauen zu überwinden and fremden Anschauungen mit der Achtung gegenüberzutreten, die sie für ihren eigenen Glauben so lange vergeblich ersehnten.

Expedition der Forschergruppe zu den Altgläubigen. Schachunja 1988
Экспедиция по старообрядчеству ГГУ им. Н.И. Лобачевского. Шахунья 1988
Доктор Сабина Фаль
Старообрядцы в России
Теперь их уже не преследуют.