Biografie mit Fotos 

Teil 1

 

Die Hochzeit meiner Eltern war für den 5. März 1953 geplant. An diesem Tag wurde im Radio bekannt gegeben, dass Josef Stalin gestorben war. Im Land wurde Trauer ausgerufen. Was sollte man tun? Die Hochzeit absagen? Aber die Gäste waren bereits eingeladen, die Tische zu Hause gedeckt. Laut meiner Mutter "Die Hochzeit ähnelte eher einer Trauerfeier: ohne Lieder, ohne Musik".

Ich wurde im Dezember 1953 in Gorki geboren. Mein Vater arbeitete als
Blechschmied in einer Fabrik, und meine Mutter kümmerte sich um mich. Wir hatten
ein kleines Haus mit einem Ofen. Ringsum gab es ähnliche kleine Privathäuser. Im
Frühling, wenn der Schnee schmolz, überflutete das Wasser die Straße bis zu
unserem Haus. Ich verbrachte meine Zeit damit, Larven und Käfer zu fangen oder
Raupen zu füttern. Hunde und Katzen waren meine Freunde. Selbst Katzen und
Hunde gerieten nicht miteinander in Streit. Damals dachte ich, dass es nur gute
Menschen gäbe. Ich bin weder in meiner Kindheit noch später in der Schule auf
Antisemitismus gestoßen. Wahrscheinlich hatte ich Glück. In unserer Klasse
herrschte ein freundlicher Umgang, niemand wurde gehänselt oder erniedrigt.
Unsere Klassenlehrerin verstarb, als wir uns in der oberen Klassenstufe befanden.
Wir verzichteten auf eine Ersatzlehrerin und organisierten uns bis zum
Schulabschluss selbstständig.

 

Ich bin 7 Monate alt.


Wie kam es dazu, dass ich Fotograf wurde? Nach der Schule fiel ich bei der
Zulassungsprüfung für den Tagesunterricht durch und wurde für den Abendunterricht
am Fachbereich für angewandte Mathematik und Informatik an der Universität Gorki
zugelassen. Bereits im zweiten Studienjahr begann ich als Ingenieur-Programmierer
im Rechenzentrum zu arbeiten. Im vierten Jahr meiner Arbeit kehrte mein Cousin aus
Leningrad zurück. Aufgrund seiner Teilnahme an einer inoffiziellen Kunstausstellung
wurde er nach Gorki zurückgeschickt. Er stellte mich seinen Freunden vor:
Untergrundkünstlern, die verschiedensten Berufen nachgingen - als Wächter, Reinigungskräfte oder Heizer.
Wir streiften durch die Stadt, saßen bei Freunden, hörten Musik von Wertschinski,
betrachteten Gemälde von Marc Chagall, Pablo Picasso, Amedeo Modigliani. Hier
sah ich zum ersten Mal tschechische Fotozeitschriften und verliebte mich sogleich in
die Schwarz-Weiß-Fotografie. Für mich war das damals eine neue, völlig unbekannte
Welt. Ich las Henry David Thoreau "Walden. Oder das Leben in den Wäldern", J.D. Salingers “Der Fänger im Roggen”, Geschichten von Julio Cortázar aus der Sammlung “Ein anderer Himmel”. Die Begegnung mit einem Buch über Zen-Buddhismus überzeugte mich davon, dass das Wichtigste darin besteht, wer DU WIRKLICH BIST, nicht dein sozialer Status.
Nach fünf Jahren eintöniger Programmierarbeit war ich ihrer überdrüssig.                                     Eines Tages fragte mich einer Künstler:


       •       “Lev, gefällt Dir eigentlich deine Arbeit?”
       •       “Ja, ich mag sie”, antwortete ich - und begann, nachzudenken.

Ich bin 20 Jahre alt.


Im November 1978 verließ ich das Rechenzentrum, um ins Nirgendwo aufzubrechen
und fuhr in die Berge.
Vor meiner Reise nach Kirgisistan las ich zufällig in der Zeitung "Komsomolskaya
Pravda" einen Artikel darüber, dass eine Moskauer Expedition im Gissar-Tal in
Tadschikistan Spuren des "Schneemenschen" entdeckt hatte. Sie baten alle, die                       bei der Suche nach diesem Wesen helfen könnten, sich an das Darwin-Museum in
Moskau zu wenden; die Adresse und Telefonnummer waren angegeben. Ich fuhr
nach Moskau und erhielt in dem Museum die Telefonnummer von Evelina Borisovna
Zegelman, der Sekretärin der "Suche nach dem Schneemenschen"-Gesellschaft.
Mit Evelina Borisovna freundete ich mich sogleich an. Sie stellte mich der Familie
Tumarkin vor (mit Katya, ihrer Mutter Zinaida Sergeyevna und ihrem Vater Semyon
Abramovich). Es war eine wunderbare Begegnung, die mein ganzes späteres Leben
beeinflussen sollte. Zinaida Sergeyevna war eine außergewöhnliche Person. Ihre
Augen strahlten Wärme aus, und die Gäste wärmten sich in ihrem Schein.

 

Zinaida Sankowskaja-Tumarkin. Moskau, 1987

 

Zinaida Sankowskaja-Tumarkin. Moskau, 1988

 

Reinhold Messner, Osnabrück, 2011 

 

Im Jahr 2011 war ich bei der Präsentation des neuen Buches von Reinhold Messner
“Der Pol” über die Eroberung des Südpols durch Amundsen und Scott vor 100
Jahren im Jahr 1911 anwesend. Als Messner gefragt wurde, ob er an die Existenz
des “Schneemannes” glaube, antwortete er, dass er Sherpas in Nepal getroffen
habe, die im Himalaya den „Yeti“, wie sie ihn nannten, gesehen hätten.
Aber ich schweife ab…
 

Anfang Oktober 1979 kam ich nach Frunse (bis 1991 die Hauptstadt Kirgisistans) und
mein erster Spaziergang durch die Stadt überraschte mich angenehm. Im
Stadtzentrum gab es einen schönen Park, die Leute gingen spazieren und lächelten.
Es wurde Pilaw verkauft, der lecker und preiswert war. “Je weiter weg von Moskau,
desto besser”, dachte ich.
Aber im Herbst 1979 war es mir nicht vergönnt, in den Bergen zu arbeiten, da ich die
medizinische Untersuchung nicht bestand. Die Ärztin stellte die Diagnose
Herzinsuffizienz und sagte mir, dass ich jederzeit sterben könnte. Ich musste nach
Gorki zurückkehren. Aber ich gab nicht auf. Im Winter fand ich Arbeit als Heizer im
Kohlenkeller des Yachtclubs. Meine Arbeit erinnerte mich an das Gedicht des
mittelalterlichen chinesischen Dichters Pan Yun: 


Wie erstaunlich,
Wie wunderbar!
Ich trage Wasser, ich trage Holz! 


Der einzige Nachteil meiner Arbeit war das nächtliche Aufstehen, um den Kessel von
der Kohleschlacke zu befreien. Die heiße Schlacke wurde mit einer Schaufel aus
dem Kessel auf eine alte zerbeulte Metallwanne geschoben, wobei eine Wolke
grauen Staubs aufstieg, der meine Kleidung, meine zerzausten Haare und mein
Gesicht bedeckte. An einer dünnen Schnur zog ich die Wanne über den weißen
Schnee zur Schlackenhalde und leerte sie dort aus. Das wiederholte sich mehrmals,
bis der Kessel von der Schlacke befreit war. Dann schaltete ich die Luftzufuhr ein,
fügte Kohle hinzu, heizte den Ofen an und wartete auf den Schichtwechsel. Auf dem
Heimweg sah ich aus wie ein Schornsteinfeger…
 

Nachdem ich bis Mitte März gearbeitet hatte, kehrte ich wieder nach Kirgisistan
zurück und landete bei der gleichen Ärztin wie zuvor. “Schon wieder Sie?”, begrüßte
sie mich. “Ich möchte wirklich unbedingt in den Bergen arbeiten”, antwortete ich.
Diesmal nahm sie sich mehr Zeit für mich und gab zu, dass ihre vorherige Diagnose                     fehlerhaft gewesen war. Ende Mai 1980 erhielt ich endlich eine Anstellung in den
Bergen!
 

 

Ala-Archa-Schlucht, 1980 

 

Mein erster Arbeitsort war die Ala-Archa-Schlucht, 40 km von der Hauptstadt
Kirgisistans entfernt. Mich, den Ingenieur Eldar Valeev und den Praktikanten aus
Moskau, Nikolay, schickten sie tief ins Tal, um eine Hängebrücke zu bauen. Ein
Pferd namens Vasya half uns, Lebensmittel und Ausrüstung zu unserem Lagerplatz
zu bringen. Zu dritt mussten wir dieses schwere Metall weitere 100 Meter
flussaufwärts tragen. Gegen Ende des Tages zitterten uns die Hände vor
Erschöpfung. Dann senkten wir diese Rahmen knietief ins eisige Wasser, zogen sie
an Seilen zurecht und schraubten sie mit Bolzen zusammen.

 

Mit dem Pferd Vasya nach einem erfolglosen Versuch, eine Dose Apfelmousse zu öffnen. Ala-Archa, 1980

 

Die von uns gebaute Brücke. Ala-Archa, 1980

 

Aber die Berge waren wunderschön…
Sobald man mich in die Stadt fahren ließ, kaufte ich mir von meinem ersten Gehalt
meine allererste Kamera FED 5.


Nach dem Brückenbau kamen wir zum Golubin-Gletscher, 3600 Meter über dem
Meeresspiegel. Auf der Seitenmoräne stand eine Hütte, in der wir wohnten.

 

Hütte auf dem Golubin-Gletscher, 1980

 

Kätzchen in der Hütte auf dem Gletscher, 1980

 

Brücke zwischen der Seitenmoräne und dem Gletscher, 1980

 

Weg zur Wetterstation im Zentrum des Golubin-Gletschers. Man kann meine Silhouette vor dem Gletscher erkennen, 1980

 

Alle drei Stunden mussten wir zum Zentrum des Gletschers gehen, um die
Temperatur, Windrichtung, Windgeschwindigkeit und Luftfeuchtigkeit aufzuzeichnen.
Einmal mussten wir um Mitternacht Messungen vornehmen. Man stieg über rutschige
Felsen die Moräne hinab, wobei wir den Weg mit einer Taschenlampe beleuchteten.
Auf zwei schmalen Brettern über einem Wasserlauf zwischen Moräne und Gletscher
betrat man das graue, von kleinen Steinsplittern durchsetzte Eis. Es war ein langer
Weg in die Einsamkeit zum Zentrum des Gletschers, wo die meteorologische Hütte
stand. Es schien, als ob jemand von oben auf einen herabblickte. Graues, buckliges
Eis unter den Füßen, über dem Kopf der schwarze Himmel, gespickt mit leuchtenden
Sternen. Wunderschön, aber auch beängstigend.
Ich stellte mir vor, ein kleines Sandkörnchen zu sein, verloren in der schwarzen
Leere. Eilig alles messen, aufzeichnen und zurückkehren… In der Mitte des
Sommers sank die Temperatur nachts auf minus 6-8 Grad Celsius. Tagsüber stieg
sie selten über ein Grad Celsius. Auf dem Gletscher waren wir fast immer zu zweit.
Aber ich wollte lieber allein sein. Ich liebte die Einsamkeit. Der Stille lauschen, den
Wind und das Wasser rauschen hören, die Bewegung des Gletschers vernehmen.

Man ließ mich allein. Niemand hinderte mich am Nachdenken, Beobachten, Briefe
schreiben. Ich hatte über 30 Adressaten. Ich bekam auch einen Brief aus Japan, aus
Kyoto, von meinem Go-Partner, dem Japaner Hikita-san. Er schrieb auf Russisch: 


“In Moskau gehen die Menschen,
In Tokio rennen sie,
Und in den kirgisischen Bergen leben die Menschen einfach…”

 

Golubin-Gletscher, 1980

 

Golubin-Gletscher, 1980

 

Einmal gingen der Ingenieur Eldar und ich zum Eispalast. Auf dem Rückweg bog ich
am Seitenmoränenfelsen ab und bemerkte auf dem grau-weißen Eis etwas
Ungewöhnliches. Ich ging näher heran und sah eine aus dem aufgetauten Eis
herausragende Leiche. Sie war mit brauner Haut bedeckt und hatte sich in eine
Mumie verwandelt. Die Kleidung war auf links gedreht, ein Arm steckte noch im Eis.
Ich rief Eldar.

 

Wer war dieser Unglückliche?
Ein in den Bergen verirrter Wanderer?
Ein Jäger?

 

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