Autobiografie
Teil 3
Bukowo
Ich arbeitete bis April 1982 in Gorki und ging dann zum Astronomischen
Observatorium Selentschuk in Karatschai-Tscherkessien. Die Adressen meiner Astrophysikerfreunde hatte mir meine Bekannte Swetlana S. gegeben. Sie hatte mir während der Überwinterung auf den Tjuju-Aschu geschrieben, dass ich nach Bukowo gehen sollte, wo sie Freunde hatte.
„Sie erwarten dich dort“, sagte sie.

Archyz, Karatschai-Tscherkessien 1985
In Bukowo fand ich viele Freunde. Das Leben war wunderbar: Ich ging in die Berge und fotografierte. Aber ich konnte keine Arbeit finden. Ich verbrachte etwa zwei Monate dort und fuhr dann nach Georgien zum Mamissoni Pass. Dort arbeitete mein Freund Juri Tolka-tschjow aus Gorki, der während meiner Überwinterung auf Tjuju-Aschu als Funker bei uns war. Er überwinterte allein auf der Station, vollständig von der Welt abgeschnitten. Er lud mich ein, mit ihm den nächsten Winter zu übernehmen.
Georgien 1982

Station am Mamissoni Pass, 2800 Meter über dem Meeresspiegel, 1982
Im Juli kamen Bergsteiger aus der DDR zum Mamissoni Pass.

Die deutschen Bergsteiger bestiegen den Gipfel des Tschantschachi zusammen mit Juri
Tolkatschjow (Gulliver), 1982
Unter ihnen war ein Mädchen namens Ortrun S.. Sie verstand und sprach ein wenig Russisch. Es hat sie wahrscheinlich überrascht, dass in der UdSSR, auf einem gottvergessenen Pass, der Funker der Wetterstation in der Bibel las. Wir begannen gemeinsam zu lesen, und wir tauschten unsere Adressen aus.

Jura (Gulliver), Ortrun S. und Gitis (Gitenis Umbrasas), 1982
Danach fuhr Jura in den Urlaub. Anfang September 1982 kehrte er
zurück, prahlte mit den gekauften Steigeisen, hörte auf niemanden und ging allein
auf den Gipfel des Tschantschachi.

Gipfel des Tschantschachi, 4460 Meter über dem Meeresspiegel, 1982
Jura dachte, er würde bis zum Abend zurück sein. Am nächsten Tag kam Juras
Freund Gitenis (Gitis) Umbrasas zu uns auf die Station, ein Künstler aus Vilnius. Gitis
und ich gingen auf die Suche nach Jura oder seinen Spuren. Es gab viele Wege
zum Tschantschachi: über einen kleinen flachen Gipfel namens Mamissoni, dann entlang
des Grats oder von unten über den Gletscher.
Wir überquerten den Mamissoni zusammen und kletterten über die Felsen des Grats. Wir suchten, leicht bekleidet, beide nur im Hemd! Ich hatte zumindest Stiefel an, aber Gitis trug Turnschuhe! Wir mussten an Wechten entlanggehen und
an Felsen hochklettern – und das ohne jegliche Sicherung. Wir hatten weder Essen
noch Wasser dabei! Nach 6 Stunden Wanderung kamen wir zu einem großen
überhängenden Felsen, der uns den Weg versperrte. Ich fing an, hinaufzuklettern.
Weiter oben brach er ab… Ich kehrte um und sagte zu Gitis: „Ich gehe nicht
weiter. Ich will noch leben!“
„Ich will nicht mehr leben“, antwortete Gitis. „Meine Mutter ist gestorben…“ „Warte
hier auf mich“, fügte er hinzu. „Ich gehe weiter bis zum Schnee, ich möchte
sicher sein, dass da keine Spuren von Jura sind, und dann komme ich zurück.“ Ich
wartete über eine Stunde auf ihn. Als er wiederkam, gingen wir schneller zurück,
denn die Dämmerung brach herein. Wir mussten die gefährlichen Felsen passieren,
bevor es dunkel wurde. Zur Station kamen wir bereits in vollkommener Dunkelheit.
Gitis erzählte mir, dass er beinahe von diesem Felsen abgestürzt sei, an dem er an
den Händen über einer tiefen Schlucht hing. Auf irgendeine Weise schaffte er es, sich
hochzuziehen, und blieb am Leben…

Ich, Jura Tolkatschjow (Gulliver) und der Funker Wolodja Rtweladze (in der Mitte) vor dem Gipfel des Tschantschachi. In der Nacht nach diesem Abend ging Jura zum Gipfel. Station Mamissoni, 3. September 1982

Der Hubschrauber umrundete den Gletscher und fand keine Spuren von Jura. Mamissoni, September 1982
Am nächsten Tag kam ein Mann in Zivil vorbei, stellte Fragen und notierte etwas. Er
sagte zu Gitis, er solle zu ihnen kommen, versprach, ihn kostenlos im Hotel
unterzubringen und gut zu verpflegen. Ich fragte: „Kann ich auch mitkommen? Ich bin
so müde von der Höhe.“ „Nein“, antwortete er, „warum sollten Sie? Sie arbeiten hier,
also arbeiten Sie weiter!“ Dann fügte er plötzlich hinzu: „Na gut, wenn Sie
unbedingt möchten, können Sie auch mitkommen!“

Auf dem Weg nach Ambrolauri, um den Mann in Zivil zu treffen, September 1982

Gitis auf dem Weg nach Ambrolauri, September 1982
Am nächsten Tag stiegen wir in das Dorf Schowi ab, wurden von einem Lastwagen
mitgenommen und kamen in die Stadt Ambrolauri. Wir kamen an der
angegebenen Adresse im Polizeirevier an, uns wurden die Gürtel und Schnürsenkel
abgenommen, und wir wurden in Zellen geführt. Aus irgendeinem Grund jeder in eine
andere.
Ich landete in einer Zelle mit einem Einheimischen, der des Mordes verdächtigt wurde.
Nachts kam der Leiter der Kriminalpolizei in weißen Handschuhen und zwei Wachen
in unsere Zelle. Sie nahmen meinen Nachbarn mit. Nach einer Stunde brachten ihn
die Wachen bewusstlos zurück und legten ihn wie einen Sack auf die hölzerne Pritsche. Sein Körper war ganz verschwollen. Als er wieder zu sich kam und vor Schmerzen stöhnte, gab ich ihm Wasser. Die ganze Nacht stöhnte er, und ich versorgte ihn.
Gitis wurde mit zwei anderen Festgenommenen eingesperrt. Genau drei Tage
verbrachten wir in Untersuchungshaft. Man gab uns am ersten Tag nichts zu essen.
Ich klopfte an die Tür und verlangte: „Sie haben versprochen, uns zu essen zu geben! Wann geben Sie uns zu essen?“
Sie gaben mir endlich etwas, aber sehr wenig. Irgendwelche Reste von ihrem Tisch, aber lecker, so etwas wie vegetarische Pizza. Gitis klopfte nicht und bekam tagelang nichts.
Schließlich wurden wir freigelassen, sie entschuldigten sich für die
Unannehmlichkeiten, brachten uns in ein Bad, gaben uns 10 Rubel für beide zusammen, von denen wir feine Chatschapuri kauften, und sie brachten uns in ein Zimmer in einem
Hotel am Ort.
Am nächsten Tag wurde uns gesagt, dass Gitis das Gebiet Georgiens innerhalb von
24 Stunden verlassen müsse. Und ich müsse nach Tiflis fahren, um zu kündigen,
meine Abrechnung zu erhalten und ebenfalls innerhalb einer Woche Georgien
verlassen. …

Nach der Haft und dem Bad. Stadt Ambrolauri, September 1982
Eine kleine friedliche Stadt, in deren Zentrum jemand in der Polizeistation gefoltert wird, weil der Leiter der Kriminalpolizei, wie man mir sagte, ein Sadist ist…
Nachdem wir freigelassen wurden, spürte ich mich den streunenden
Hunden nahe. Ich fing an, sie zu fotografieren.

Hunde in der Stadt Ambrolauri, September 1982

Hunde in der Stadt Ambrolauri, September 1982

Hunde in der Stadt Ambrolauri, September 1982
Als ich in Tiflis ankam, stellte sich heraus, dass das Geld, das ich bei meiner Entlassung erhalten sollte, nach Schowi geschickt worden war. Es war Freitag, und man schlug vor, dass ich die zwei Tage bis Montag im Gebäude des Meteorologischen Dienstes am Rustaweli-Boulevard bleiben könnte. Ich bekam die Schlüssel fürs ganze Haus und 25 Rubel. Am Samstag ging ich spazieren, ich wollte Birnen kaufen. Ich ging zu den Obstständen und fragte, wieviel die Birnen kosteten. Unerwartet fragte mich der Verkäufer: „Bist du Jude?“ Als ich das bestätigte, sagte er, dass Juden einander unterstützen sollten, und schlug vor, mit ihm zu kommen. „Ich habe zu Hause Früchte, die ich nicht auf dem Markt verkaufe“, sagte er. Wir kamen zu ihm nach Hause, seine Frau schimpfte auf georgisch mit ihm. Die Kinder, zwei oder mehr, liefen durch die Zimmer, das jüngste Kind weinte. Er holte ein Bündel Geld aus dem Schrank und reichte es mir. „Nimm, ich habe viel davon. Ich habe keinen Platz, um es zu verstauen. Juden sollten einander helfen, und ich sehe, dass du überhaupt kein Geld hast.“ Warum habe ich das Geld angenommen? Ich vertraue den Menschen, ich glaube an die Aufrichtigkeit ihrer Absichten. Die Scheine in dem Geldbündel entsprachen drei meiner Monatsgehälter. Ich wollte gehen, fühlte mich aber verpflichtet, ihm meine Dankbarkeit zu zeigen. Er fragte, ob ich Arbeit bräuchte. Ob ich in einem bekannten Delfinarium in Batumi arbeiten wollte? „Ja, natürlich“, antwortete ich. „Ich verlasse den Meteorologischen Dienst sowieso.“ „Wir fahren nach Batumi“, sagte er. Es war seltsam, dass ich zustimmte. Ich war wie in Trance… Er nahm ein Taxi, und wir kamen zu seiner Schwester, genau an ihrem Geburtstag, an einen festlich gedeckten Tisch. Alles war sehr lecker. Ich probierte zum ersten Mal Lobio (roter Bohnen-Eintopf) und trank leichten, jungen Wein. Wir nahmen ein Taxi zum Bahnhof und stiegen in den Zug Tiflis - Batumi. Als ich in das Abteil kam, bemerkte ich eine Frau vom Hydrometeorologischen Dienst. Sobald wir uns in der Vierer-Kabine eingerichtet hatten, ging ich in den benachbarten Wagen, um ein paar Worte mit ihr zu wechseln.
Als ich zurückkam, wartete ein Bekannter mit einem Milizionär im Flur auf mich. „Ihre Dokumente“, forderte mich der Milizionär auf. „Und das Geld“, fügte mein Begleiter hinzu. „Sie sind betrunken“, sagte der Milizionär. „Wie können Sie in diesem Zustand mit dem Zug fahren?“
Natürlich war das eine Lüge. Ich war, denke ich, der Nüchternste von uns dreien. Ich gab dem Milizionär meinen Pass und das Bündel Geld, das ich geschenkt bekommen hatte. Der Milizionär nahm mir auch mein Notizbuch ab und übergab alles meinem „Gönner“. Meine 25 Rubel, die ich getrennt aufbewahrt hatte, blieben bei mir.
Wir kehrten ins Abteil zurück. Mir wurde die Aussichtslosigkeit meiner Situation klar.
Mein Bekannter war zehnmal stärker als ich. Auf den benachbarten Plätzen im Abteil saßen noch zwei kräftige Männer, alle sprachen georgisch miteinander. Ich legte mich auf das obere Bett über meinem Begleiter. Ich schlief immer wieder für kurze Zeit ein. In meinem Kopf drehte sich alles: „Ich muss weglaufen, ich muss weglaufen“… Ich wachte auf, als es morgens dämmerte. Der Zug näherte sich irgendeinem Bahnhof. Ich schaute auf die Uhr: 6 Uhr morgens. Meine Mitreisenden schnarchten laut. Langsam stieg ich vom oberen Bett. „Ich darf ihn nicht ansehen, ich darf nicht in seine Richtung schauen…“ Ich nahm meinen Pass und mein grünes Notizbuch aus seinem Ordner auf dem Tisch, öffnete langsam die Abteiltür und ging zum Ausgang des Waggons. „Samtredia“ stand auf dem Bahnhofsgebäude. Langsam betrat ich das Gebäude, lief hindurch und hielt das erste Auto an, das vorbeikam. „Irgendwohin weit weg vom Bahnhof, bitte!“
Ich fuhr mit dem Auto nach Kutaissi, von dort mit dem Bus nach Tiflis. So kam ich zum Hydrometeorologischen Dienst. Es war Sonntag, und ich verließ das Gebäude nicht mehr. Am nächsten Tag wurde mir gesagt, dass ich, um mein Gehalt abzuholen, zurück in die Berge nach Schowi fahren müsse.
Zurück in den Bergen, stieg ich auf den Mamissoni. Der Stationsleiter gab mir mein Geld und sagte: „Morgen früh werden wir Holz laden, hilfst Du uns?“
Im Bergwald luden wir gesägte Baumstämme in den Lastwagen, und ich saß oben drauf, als das Auto bergab fuhr. Es begann zu regnen, ich zog die Kapuze meiner Sturmjacke nach unten, und in diesem Moment ging der Lastwagen in eine scharfe Kurve, und die Stämme rollten unter mir weg. Ich befand mich plötzlich in der Luft. Hatte zwar keine Angst, aber ich wusste nicht mehr, wo der Boden unter mir war. Mir schien, ich flöge sehr lange. Plötzlich kam ein Schlag, ein scharfer Schmerz in der Handfläche der rechten Hand. Ich fiel mit dem Kopf auf einen Mooshügel, sprang auf und schrie laut: „Auaaa!“ Das Auto blieb stehen, der erschrockene Stationsleiter kam zu mir. „Hier, die Hand ist geschwollen“, sagte ich. „Was soll die Hand, wie steht es mit dem Kopf?“, fragte der Stationsleiter. „Der Kopf scheint in Ordnung zu sein“, war meine Antwort.
Ich bin am Leben, das Schlimmste liegt hinter mir, ich kehre nach Gorki zurück. Ich muss etwas wirklich Sinnvolles tun. Ich werde fotografieren.
Übersetzung ins Deutsche: Andreas Ottmer, Osnabrück