Autobiografie
Teil 4
Ich mache Fotos
Ende der 70er Jahre begannen einige meiner Bekannten aus Gorki, sich mit künstlerischer Schwarzweißfotografie in einem gerade erst gegründeten Club für angehende Fotografen zu beschäftigen. Ich besuchte die Treffen, seit ich im Herbst 1982 nach Gorki zurückgekehrt war. Die Regeln waren folgendermaßen: Der Leiter Juri Spagin gab allen Teilnehmern Aufgaben wie Porträts, Doppelporträts, Fotos in Bewegung oder Neujahrskartengrüße. Nach einer Woche zeigten alle Teilnehmer ihre Arbeiten, die diskutiert und von denen die besten ausgewählt wurden. Wenn ein Fotograf nach Meinung des Leiters dreimal die Aufgaben nicht bewältigte, flog er raus. Interessanterweise stimmte mein Blick auf die Bildmotive überhaupt nicht mit der Meinung des Leiters überein: Alles war gegensätzlich. Was ihm nicht gefiel, gefiel mir. Das konnte nicht gut gehen. Ich flog nach drei Wochen raus und fing an, selbstständig zu fotografieren. Ich nahm ein Stativ und fuhr in die Stadt.
In diesem Jahr hatte ich großes Glück mit der Arbeit. Nach einem großen Erdrutsch, der eine Straßenbahn zum Umkippen gebracht hatte, wurde ein Schutzdienst in der Stadt gegründet, um weiteren Katastrophen vorzubeugen. Ich wurde als Patrouilleninspektor im Park „Schweiz“ eingestellt, dem schönsten Park der Stadt. Ich musste jeden Tag überprüfen, ob es keine Bodenbewegungen und Abrutschgefahren gab. Da im Winter Erdrutsche unmöglich waren, konnte ich in der freien Zeit fotografieren, Filme entwickeln und Fotos drucken.

Kindergarten. Gorki 1983
An einem Morgen im Januar machte ich ein Foto von Kindern, die mich erstaunt durch den Zaun ihres Kindergartens ansahen.

Olja mit ihrem Hund, Majakowskistraße. Gorki 1983
Einmal verließ ich das Haus und sah ein Mädchen mit erstaunlich klaren blauen Augen. „Kann ich dich fotografieren?“ fragte ich. „Ich werde meine Großmutter fragen“, antwortete das Mädchen und lief weg. Eine Minute später kam sie auf den Hof zurück: „Die Großmutter hat's erlaubt!“ Das Mädchen hatte einen Hund auf dem Arm. Ich stellte ein Stativ auf und machte diese Aufnahme. Eine Woche später schenkte ich dem Mädchen das Foto…

Zwei Türen in der Nesterowstraße. Gorki 1983

Studenaja-Straße. Gorki 1983

Kinder an einer Schneefestung. Gorki 1983

Gogol-Denkmal in Moskau, 1983

Haus in Moskau, Bezirk Arbat 1984
Verhaftung und Kündigung
Am 10. Mai 1983 fuhr ich wie gewöhnlich zur Arbeit in den Park „Schweiz“, meine Kamera nahm ich mit. Ich hatte auch zwei Fotos von Kindern an einer Schneefestung und einige Landschaftsbilder dabei. Im Park fand ich keine Erdrutsche (das war meine Aufgabe), fotografierte einen Ameisenhaufen und fuhr ins Stadtzentrum, um die auf dem Film noch verbleibenden Aufnahmen zu machen und ihn abends zu entwickeln. Am Tag traf ich die Kinder in der Studenaja-Straße wieder und gab ihnen ihre Fotos. Sie freuten sich und liefen davon, um die Bilder ihren Eltern zu zeigen. Alle waren glücklich. Ich bog von der Stude-naja in die Dzerzhinskistraße ab und durchstöberte die Höfe, um ein passendes Motiv zu finden. Plötzlich kamen zwei Milizionäre auf mich zu und fragten nach meinem Pass. Ich hatte keine Papiere bei mir. Sie baten mich, mitzukommen. Ein Rentner, der abseits stand, kam heran und sagte den Milizionären, dass dieser Mann mit der Kamera Fotos verkaufe und etwas verdächtig aussehe. Man brachte mich zur Miliz, dann brachte man mich mit dem Auto als Festgenommenen ins Hauptquartier in der Majakowskistraße. Kamera und Fotos („Zwei Türen“, „Kindergarten“, „Mädchen mit Hund“ und „Studenaja-Straße“) wurden mir abgenommen. Der Film aus der Kamera wurde ins Labor gebracht zum Entwickeln. Drei bis vier Stunden verbrachte ich inmitten einer Menge anderer „Festgenommenen“, alle durchaus keine Fotoliebhaber. - Man rief mich gegen Mitternacht auf. In einem großen Büro im dritten Stock saßen zwei in Zivil gekleidete Männer und in der Mitte ein stämmiger Mann in Milizionärsuniform, wahrscheinlich ein Major. Er schwieg die ganze Zeit, schaute mich aber finster an. Ein älterer Mann in Zivil sprach mit mir.
• Wir haben uns Ihre Fotos angesehen. Warum fotografieren Sie nicht in neuen Stadtteilen, zum Beispiel in Mestschera?
• Ich mag die Altstadt, alte Gebäude.
• Warum lächeln die Kinder auf Ihren Fotos nicht?
• Hier, das “Mädchen mit dem Hund”, lächelt sie nicht?
• Das ist kein Lächeln. … Warum sind die Türen kaputt?
• Ich weiß es nicht. Ich bin neulich vorbeigekommen, da waren sie schon repariert.
• Welche Musik hörst du?
• Bach, Mozart, Tschaikowski.
Ihr Gesichtsausdruck zeigte Überraschung.
• Welche Dichter liest du?
• Puschkin, Blok, Mandelstam.
• Nadson?
• Nein. Warum Nadson? Walt Whitman, Paul Éluard.
• Sprich etwas vor!
Ich rezitierte auf Russisch:
• „I DREAM'D IN A DREAM...“
I dream'd in a dream I saw a city invincible to the attacks of the
whole of the rest of the earth,
I dream'd that was the new city of Friends,
Nothing was greater there than the quality of robust love, it led
the rest,
It was seen every hour in the actions of the men of that city,
And in all their looks and words.
© Walt Whitman
• Sprich noch etwas!
• I saw in Louisiana a live-oak growing,
All alone stood it and the moss hung down from the branches,
Without any companion it grew there uttering joyous of dark green,
And its look, rude, unbending, lusty, made me think of myself,
But I wonder'd how it could utter joyous leaves standing alone there
without its friend near, for I knew I could not …
© Walt Whitman
Plötzlich ertönte ein schriller Schrei: „Verstellen Sie sich nicht!“
Eine Pause trat ein. Dann sagten sie:
• „Wir haben Ihren Film entwickelt.“ - Sie zeigten mir drei Negative. - „Was ist das?“
• „Das sind Ameisen“, antwortete ich.
Es gab keine weiteren Fragen.
Sie gaben mir die Kamera und alle Fotos zurück außer dem Kindergarten-Bild. Dieses Foto ärgerte sie besonders. „Kinder im Käfig“, kommentierten sie es. Sie ließen mich erst tief in der Nacht gegen halb 3 frei.
Am nächsten Morgen ging ich zur Arbeit. Mein Chef kam auf mich zu:
„Der KGB ist unzufrieden mit Ihnen. Sie sagten, Sie würden die Stadt in einem unansehnlichen Zustand fotografieren. Sie müssen von sich aus kündigen. Die Personalabteilung erwartet Sie.“
„Und wenn ich nicht auf eigenen Wunsch kündige?“
„Dann würde man Ihr Arbeitsleben unerträglich machen. Ich rate Ihnen, selber zu kündigen.“

Spatzen auf Metallmilchkästen. Gorki 1987
Das war nicht meine erste Begegnung mit dem KGB. Am 2. März 1983 wurde mein Freund Samuil Epstein in Gorki festgenommen, mit dem ich gemeinsam zu Sinfoniekonzerten ging. Ich hatte eine Vorladung bekommen und kam zur festgelegten Zeit zum Hauptgebäude des KGB in der Worobjowstraße. In einem kleinen Raum saßen zwei Männer in strengen Anzügen mit ausdruckslosen Gesichtern. Ich setzte mich ihnen gegenüber. Hauptsächlich der ältere von ihnen sprach mit mir.
• „Worüber haben Sie mit ihm (Epstein) gesprochen?“
• „Über Gedichte, über Musik.“
Sie legten ein Buch vor mir auf den Tisch.
• „Schlagen Sie es auf!“
Ich öffnete das Buch und las den Titel „Der Archipel Gulag“.
• „Haben Sie das gelesen?“
• „Nein.“
Ich sagte die Wahrheit. Ich wusste nicht einmal, was die Abkürzung Gulag bedeutet.
• „Lesen Sie.“
Ich begann zu lesen. Als ich die dritte Seite umblätterte, sagte der Ältere:
• „Genug!“ und nahm das Buch weg.
• „Wir bauen den Kommunismus auf. Wollen Sie nicht mit uns den Kommunismus aufbauen?“
Ich antwortete nicht.
• „Warum arbeiten Sie nicht in Ihrem Fachgebiet? Wir haben Sie ausgebildet, und Sie sind undankbar.“
• „Ich habe ein Abendstudium an der Universität absolviert und war vom zweiten Studienjahr an schon als Programmierer tätig.“
Warum sind Sie in die Berge gefahren?
Ich habe Bücher über Berge gelesen und wollte es selbst erleben. Nach Kirgisistan bin ich auf eine Mission gefahren.
Sie sprangen von ihren Stühlen auf!
„Auf eine Mission!?“
Ja. Ich bin gegangen, um den Schneemenschen zu suchen.
Die Enttäuschung in ihren Gesichtern ist schwer zu beschreiben.
Sie ließen mich gehen. Aber mein Freund Samuil Epstein wurde für zwei Jahre ins Lager gesteckt.

Samuil Epstein. Gorki 1983
Was sollte ich tun? Ich fuhr nach Kirgisistan und fand Arbeit im Hydrometeorologischen Zentrum. Ich arbeitete wieder auf 3600 Metern Höhe am Golubin-Gletscher.

Golubin-Gletscher, Kirgisistan 1983
Nach zwei Monaten auf dem Gletscher bat ich um Versetzung zur Winterstation in Tjuja-Aschu. Ich wartete lange auf eine Antwort. Schließlich rief mich der Chef an: „Lev, leider erlaubt der KGB nicht, deinen Arbeitsvertrag zu verlängern. Sie sagten, es gibt Funkgeräte auf den Stationen. Du könntest etwas ins Ausland übermitteln. Wir können nichts machen.“
Damit endete meine Arbeit in den Bergen. Zurück nach Gorki? Ich werde mich nicht beeilen. Ich wurde erneut eingeladen, an den Issyk-Kul-See zu gehen, um die Seetiefe und die Küstenlinie zu vermessen.

Arbeit als Landvermesser am Issyk-Kul-See. Kirgisistan, August 1983

Issyk-Kul-See. August 1983
Litauen
Im Jahr 1982 schrieb ich Ortrun nach Berlin über das Verschwinden von Gulliver in den Bergen. Wir begannen zu korrespondieren. 1983, als ich auf dem Gletscher in Kirgisistan arbeitete, war Ortrun in Moskau, aber sie durfte nicht nach Zentralasien. Wir verabredeten uns in Vilnius. Meine erste Reise nach Litauen und das Treffen mit Ortrun fanden 1984 statt.

Auf dem Dach. Vilnius 1984

Mein Portrait von Gitis Umbrasas und ich. Litauen 1984
Bukowo und der Sprung
1985 habe ich einen Kurs für Gaskesselheizer gemacht. Im Frühjahr ging ich nach Moskau, Leningrad und Vilnius, um meine Freunde zu besuchen, und dann auf eine Sternwarte im Kaukasus. Die Sternwarte war eine kleine Insel der Freiheit, fast außer Reichweite der Sowjetmacht. Ich freundete mich mit Astrophysikern an, fotografierte die Kinder meiner neuen Freunde, ging in die Berge und genoss das Leben.
Aber in diesem Jahr waren meine Winterersparnisse von der Arbeit in der Heizungsbranche in Gorki erschöpft, und ich suchte nach einer Nebentätigkeit. Man bot mir einen Job in der Heizanlage der Sternwarte mit Masut (ein Erdöl-Rückstand) als Urlaubsvertretung für einen Heizer an. Der Parteisekretär, der auch den Fotoclub der Sternwarte leitete, mochte mich und meine Fotos nicht. Aber ein Heizer wurde gebraucht, also ließen sie mich arbeiten.
Ich hatte in meinem Leben in einigen Kohleheizungen gearbeitet, zuletzt in einer Gasheizung. Aber die Arbeit an einer mit Heizöl befeuerten Dampfheizung erwies sich als die schwierigste und härteste. Die Nachteile waren, dass der Dampfkessel jederzeit explodieren konnte, wenn man den Moment verpasste, in dem das gesamte Wasser verdampft war. Nachts musste man den Wasserstand oft überwachen. Für den Notfall gab es ein Sicherheitsventil, aber am ersten Arbeitstag wurde mir gesagt, dass das Ventil seit 13 Jahren nicht geöffnet wurde, und man bat mich, es nicht anzufassen. Während der Schulung war uns gesagt worden, das Ventil sein jeden Tag zu überprüften (Dampf abzulassen): Das ist das erste, was du am Anfang deiner Schicht tun solltest. Außerdem musste man neben dem summenden Kessel schlafen, und der Geruch des Heizöls verursachte Kopfschmerzen und verfolgte mich den ganzen nächsten Tag. Aber es gab keinen Weg zurück, ich musste nur einen Monat arbeiten. Eine Woche vor meiner “Befreiung” brach eine der beiden Heizölpumpen zusammen, sie wurde nicht repariert, obwohl wir den Brigadier darüber informierten, dass nur noch eine Pumpe in Betrieb war und dies zu einem Notfall führen könnte.
In meiner vorletzte Schicht um drei Uhr nachts passierte es. Der Motor der zweiten Heizölpumpe ging aus, es wurde still. Ich wusste, dass das Öl in den Leitungen erstarren würde, wenn die Pumpe in den nächsten Stunden nicht gestartet würde. Ich wagte es nicht, den Brigadier in der Nacht anzurufen. Drei Stunden später kam meine Ablösung. Oh, wie der brüllte, wie er mich verfluchte!
In fünfzehn Minuten schaffte er es, die Pumpe zu reparieren. Kann die Pumpe das schon erstarrte Öl wegpumpen? Minuten quälenden Wartens ... es klappte!
Das Schlimmste war vermieden.
Nun zur letzten Schicht. Es blieb weniger als eine Stunde bis zum Schichtschluss. Ich schloss das Ventil am Kessel, um die Wassertemperatur zu erhöhen - und vergaß es. Ich schlenderte draußen um das Heizungsgebäude herum und freute mich auf das Ende dieses monatelanges Martyriums. Plötzlich sah ich von außen, dass der Kessel anfing zu zittern und dabei einen leisen brummenden Ton von sich gab. Mit fiel ein, dass ich das Ventil nicht wieder geöffnet hatte. - Was passiert jetzt? Fliegt alles in die Luft? Und dann hörte ich ein lautes Geräusch von austretendem Dampf: Das Sicherheitsventil, das seit 13 Jahren nicht mehr geöffnet worden war, war aufgegangen. Ich (und das Heizungshaus) waren gerettet.
Ich kehrte nach Gorki zurück, arbeitete im Schichtbetrieb in einem Gaskesselhaus und fotografierte in meiner Freizeit die Kinder meiner Freunde und Musiker. Einmal habe ich einen Kammerchor aus Swerdlowsk fotografiert, der am nächsten Tag abreisen wollte, und ich hatte versprochen, die fertigen Fotos zum Zug zu bringen. Ich legte sie im Abteil aus und zeigte den Sängern auch Fotos von anderen Musikern. Plötzlich sahen wir, dass sich der Zug in Bewegung setzte. Ich packte die Fotos hastig wieder in mein Köfferchen, rannte zur Tür und sah, dass der Zug bereits richtig Fahrt aufgenommen hatte. "Springen!!" schrie die Schaffnerin. Ich sprang ...
Vom Zug zu springen, das kannte ich nur aus Büchern, doch noch nie hatte ich es selbst praktiziert. Direkt vor mir befand sich kein flacher Bahnsteig mehr, sondern einer, der sich aufrichtete und mich mit aller Kraft nach vorn schleuderte. Ich hob den Kopf und sah das Gesicht der Schaffnerin auf der Plattform des abfahrenden Waggons. Ich lag in einer Schneewehe, zwei Meter vor dem Metallgitter am Ende des Bahnsteigs. Ich hatte starke Schmerzen in meiner linken Schulter, aber ich war am Leben. Wenn ich einen Sekundenbruchteil später gesprungen wäre, hätte ich dieses Gitter mit dem Kopf durchstoßen. Die Schneewehe am Bahnsteigende (Gott sei Dank passierte das im Winter) fing den Sturz ab, und ich verrenkte mir nur die Schulter. Der Diplomatenkoffer hatte sich geöffnet, die Fotos lagen verstreut im Schnee. Ich stand mühsam auf und begann, die Fotos einzusammeln. Mein Mantel war mit Schnee bedeckt, der linke Arm hing herab wie eine Peitsche. In der Notaufnahme korrigierte der Arzt die Luxation und fixierte meinen Arm mit einem Verband.
Ich werde nicht mehr von einem fahrenden Zug abspringen.
Ich bin ein freier Fotograf in einem freien Land
Altgläubige
Im Jahr 1988 begannen die Veränderungen, die bald als „Perestroika“ bezeichnet wurden, und ich verließ meine Arbeit in der Heizanlage ganz, um freier Fotograf zu werden.
Im Sommer 1988 wurde ich zu einer „Expedition“ zu den Altgläubigen eingeladen. Die Expedition wurde von der philologischen Fakultät der Universität Gorki organisiert und hatte etwa 20 Teilnehmer.

Gruppenporträt der Expedition zu den Altgläubigen. Schachunja 1988
Ich wusste praktisch nichts über die Altgläubigen, hatte nur gehört, dass sie streng und zurückhaltend sein sollten. Bereits am ersten Tag traf ich in der kleinen Stadt Schachunja auf freundliche, offene Menschen, die ich bis heute nicht vergessen kann.

Karp Nikiforowitsch. Schachunja 1988

Der Alte hinter dem Buch. Woskressensk 1990
Übersetzung ins Deutsche: Andreas Ottmer, Osnabrück